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Ein Stammbaum für Handschriften

Die 36-jährige Tara Andrews unterrichtet Digital Humanities an der Uni Bern. Sie erforscht zudem Handschriften.

Text: Anja Eigenmann, publiziert am 12.03.2015

Ich habe einen sehr zuverlässigen Wecker. Er heisst Sophie, ist meine Tochter und erwacht jeden Tag pünktlich um viertel vor sieben Uhr. Sie ist vier Jahre alt. Mein Mann kocht Tee für uns. An einem Mittwoch, wenn ich in Bern arbeite, ist es an ihm, sie in den Montessori-Kindergarten zu bringen, bevor er bei Google arbeiten geht. Da wir in Zürich-Wollishofen wohnen, muss ich das Haus um 7:30 Uhr verlassen, um es rechtzeitig auf den Intercity nach Bern zu schaffen.

Ich fahre erste Klasse, so kann ich im Zug meine E-Mails checken und letzte Vorbereitungen für meinen Unterricht treffen. Ich bin Assistenzprofessorin für Digital Humanities an der Universität Bern, also für digitale Geisteswissenschaften. Das ist ein derart neues Feld, dass jeder eine andere Meinung vertritt, worum es geht. Häufig hat es mit statistischer Analyse von Texten zu tun. Die Wurzeln der digitalen Geisteswissenschaften gehen auf die 1940er-Jahre  und einen Jesuitenpater namens Roberto Busa zurück. Er wollte für die Schriften von Thomas von Aquin eine Konkordanz machen. Das ist ein Index sämtlicher Wörter, die in einem Werk vorkommen, plus deren Kontext. Busa schaffte es, den Chef von IBM zu überzeugen, ihn bei diesem Unternehmen zu unterstützen. Dieses erste Digital-Humanities-Projekt dauerte 30 Jahre.

Busa schaffte es, den Chef von IBM zu überzeugen, ihn bei diesem Unternehmen zu unterstützen. Dieses erste Digital-Humanities-Projekt dauerte 30 Jahre.

An der Universität Bern gibt es dieses Fachgebiet seit zwei Jahren. Ich bin dort quasi allein. Das bedeutet, ich entscheide, was der Unterricht umfasst. Sprich: Es bietet viele Freiheiten, ist aber manchmal sehr einsam. Ich führe vier Kurse pro Jahr durch. Einer ist Theorie, bei den restlichen dreien geht es um technische Fertigkeiten: Programmieren mit Python sowie die Verwendung von Werkzeugen und Techniken aus verschiedenen Disziplinen. Es geht darum, wie man beispielsweise aus einem Datensatz eine Karte darstellt oder eine Grafik. In der Theorie betrachten wir, wie die Technik die Fragestellungen verändert. Oder welches die Gefahren der Vereinfachung der Forschungsfragen durch Computereinsatz sind. Am Schluss dieses Lehrganges erwarte ich von den Studenten eine Arbeit darüber, was digitale Geisteswissenschaften sind.

Ich arbeite am Unitobler. Mein Unterricht beginnt um viertel nach zehn Uhr. In meinen Kurs kommen sehr viele Studenten, die noch nie programmiert haben und denen das Angst macht. Ich versuche, ihnen die Angst zu nehmen.

Für gewisse Unterrichtsteile verwende ich SWITCHengines. Dies, weil dieser Dienst einerseits geschützt ist und ich dort anderseits die benötigten Werkzeuge auf sehr einfache Art wieder neu aufsetzen kann, wenn ich das brauche.

Der Unterricht dauert 90 Minuten. Dann ist Mittagszeit. Ich hole mir einen schnellen Zmittag. Manchmal gehe ich rennen.

Meine Doktorarbeit schrieb ich über eine armenische Chronik aus den Zeiten der Kreuzritter.

Meine Laufbahn ist ungewöhnlich: Ursprünglich stamme ich aus den USA. Ich studierte in Boston Computerwissenschaften. Als Austauschstudentin in Griechenland stiess ich auf die byzantinische Geschichte. Ich suchte etwas, wo ich Geschichte und Computerwissenschaften verbinden konnte. Zwar machte ich meinen Bachelor in Computerwissenschaften und arbeitete als Software-Ingenieurin, schloss aber 2003 meinen Master in byzantinischer Geschichte ab. Meine Doktorarbeit schrieb ich über eine armenische Chronik aus den Zeiten der Kreuzritter. Oxford ist wohl der beste Ort für diese Studien.

Ich machte dort eine kritische, digitale Ausgabe über einen Teil dieser Chronik. Eines meiner aktuellen Projekte besteht darin, diese Arbeit fortzusetzen. Und zwar geht es dabei darum herauszufinden, wie der „Stammbaum“ der Handschriften dieser Chronik aussieht. Also, wer von wem abgeschrieben hat und welche Handschrift dem Original am nächsten kommt. Dabei orientieren wir uns an den geläufigsten Schreibfehlern, beziehungsweise den Varianten und Übereinstimmungen. Ich habe ein Werkzeug entwickelt, mit dem man die Zusammenhänge zwischen den Handschriften analysieren und visualisieren kann. Man findet es auf stemmaweb.net. Die entsprechenden Berechnungen laufen ebenfalls über SWITCHengines, da die Vergleiche ziemlich Rechenkapazität benötigen. Auf diesen Dienst von SWITCH kam ich per Zufall: Ich hörte durch die SWITCH-Mitarbeiterin Ann Harding davon. Ich kenne sie, weil unsere Ehemänner zusammenarbeiten.

Etwa um 17:30 Uhr bin ich zuhause. Sophie geht gegen halb acht ins Bett. Gegen 20 Uhr koche ich für meinen Mann und mich etwas. Wir essen, sprechen, trinken ein Glas Wein. Manchmal verbringen wir unseren Abend vor dem Computer, manchmal bauen wir an Legomodellen. Normalerweise versuche ich, um 23 Uhr ins Bett zu gehen.

Dieser Text ist im SWITCH Journal April 2015 erschienen.
Über den Autor
Anja   Eigenmann

Anja Eigenmann

Seit 2012 ist Anja Eigenmann bei SWITCH tätig, heute als Redaktorin für Online- und Printmedien. Sie startete mit einer journalistischen Ausbildung und hat später einen Master of Advanced Studies in Business Communications zugefügt. Unter anderem war sie als Chefredaktorin sowie Beraterin tätig und hat einen Lehrgang in Online-Redaktion geleitet.

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Rechenkapazität für Forschende

Dank SWITCHengines können Forschende zusätzlichen Speicher oder Rechenleistung dann abrufen, wenn es ihr Projekt erfordert. Die benötigten Kapazitäten werden vorübergehend gemietet. Die Bestellung erfolgt online. SWITCH stellt die gebuchten Leistungen umgehend zur Verfügung.

Informationen: https://www.switch.ch/services/engines/

Kontakt: jens-christian.fischer@switch.ch

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