Diese Story ist aus der Kategorie Innovation und dem Dossier Data Lifecycle Management

Hüterin des Wissens

Die Bibliothek kann der Forschung helfen beim Umgang mit der Datenflut. Das meinen Exponenten der Zentralbibliothek Zürich.

Text: Konrad O. JaggiChristoph Graf, publiziert am 01.04.2014

In den Bibliotheken findet leise eine Revolution statt: der Übergang von physischen auf digitale Informationsträger. Durch ihre traditionelle Rolle als Hüterin des Wissens einerseits und den Übergang ins digitale Zeitalter anderseits haben sie Kompetenzen entwickelt, wie Informationen in der Datenflut auffindbar gemacht werden können. Diese Kompetenzen werden künftig gefragt sein, speziell im Hinblick auf Forschungsdaten.

Betroffen ist zum Beispiel die Zentralbibliothek Zürich (ZB). Wie ihre künftige Rolle aussehen könnte, erklären im Interview Prof. Susanna Bliggenstorfer, Leiterin Zentralbibliothek, und ihre Arbeitskollegen Dr. Beat Wartmann, Chefbibliothekar Medienbearbeitung, sowie Dr.Walter Brüsch, Leiter Informatik.

SWITCH Journal: Was sind die wichtigsten Aufgaben der ZB?
Susanna Bliggenstorfer: Die Zentralbibliothek Zürich (ZB) ist zugleich Stadt-, Kantons- und Universitätsbibliothek mit dem Auftrag, einerseits die Angehörigen der Universität mit Forschungsliteratur, anderseits die Bevölkerung mit wissenschaftlicher Grundliteratur zu versorgen sowie das kulturelle Erbe von Zürich zu bewahren und zu vermitteln. Sie wurde 1917 aus mehreren dezentralen Bibliotheken gegründet – mit dem Gedanken, dass die Benutzenden Bücher und weitere Medien an einem Ort in einem Katalog suchen können.

Können Sie einen Wandel hinsichtlich der Informationsträger beobachten?
Beat Wartmann: Ja, die wichtigste Entwicklung ist, dass wir immer mehr E-Medien anbieten und dafür heute bereits mehr als 30 Prozent der Erwerbungsausgaben einsetzen.

Wie erschliesst die ZB die Inhalte aus neuen Medien?
Beat Wartmann: Wir verfügen mit 32 wissenschaftlichen Mitarbeitenden mit Hochschulabschluss über ein hoch qualifiziertes Team in der Sacherschliessung. Bei den E-Medien stehen automatisierte Verfahren erst ganz am Anfang. Es gibt zwar weltweite Kataloge. Deren Einträge müssen aber trotzdem überarbeitet werden. Verlage bieten zwar auch Metadaten an. Aber diese dienen häufig einem Marketingzweck und sind damit nicht eins zu eins brauchbar. Hier sind nach wie vor die Fachreferentinnen und Fachreferenten gefragt, um eine hohe Qualität der Suchergebnisse und der wissenschaftlichen Relevanz zu erreichen.

Welche Regeln gibt es im Bereich der Datenarchivierung?
Beat Wartmann:
Für die "analogen" Medien der ZB gilt: Sie sollen langfristig für die Nachwelt bewahrt werden. Wir behalten daher die Originale immer – auch nach Digitalisierungsaktionen. Im Bereich der Printarchivierung verfolgen die Bibliotheken schweizweit einen kooperativen Ansatz, zum Beispiel im Projekt «Kooperative Printarchivierung» oder im Projekt "Kooperative Speicherbibliothek Schweiz". Es geht darum, nur noch ein Original zum Beispiel der Printversion von Zeitschriften aufzubewahren. Bei den digitalen Medien ist die Lage komplexer und soll auf Stufe des Konsortiums der Hochschulbibliotheken gelöst werden.

Walter Brüsch: Generell werden die gekauften E-Book-Pakete nicht in der ZB archiviert. Wir beziehen diese E-Medien nach klaren Lizenzvereinbarungen online von den Verlagen. Für den Fall, dass einzelne Verlage nicht mehr liefern können, gibt es internationale Repositorien, welche für uns zugänglich werden. Diese internationale Zusammenarbeit trägt wesentlich zur Sicherung der weltweiten Datenbestände bei, schafft aber auch eine gewisse Abhängigkeit. Wir betreiben zudem ein Digitalisierungszentrum, produzieren also Digitalisate aus Eigenbeständen, die wir auch selber archivieren müssen. Neben technischen Aspekten wie Datenformaten und -trägern stellt sich hier auch die Frage, was und wie archiviert werden soll.

Wie sehen Sie die Zukunft im Bereich der wissenschaftlichen Daten generell?
Susanna Bliggenstorfer:
Hier gibt es viele offene Fragen bezüglich der Rolle der Universitätsbibliotheken. Derzeit werden diese auch im nationalen SUK-Programm "Wissenschaftliche Information: Zugang, Verarbeitung und Speicherung" institutionsübergreifend angegangen, zum Beispiel mit dem Nationalfonds. Primärdaten sind disziplinenspezifisch. Es gibt grosse Unterschiede zwischen Daten aus der Molekularbiologie und der Hochenergiephysik. Man wird also disziplinenbezogen, wenn nicht sogar projektbezogen, arbeiten müssen. Die Bibliotheken können hier eine wertvolle beratende Funktion wahrnehmen, um die Forschenden bei der Beschreibung der Daten, also der Erstellung von Metadaten, oder zum Beispiel bei der Auswahl der Archivierungssoftware zu unterstützen. Die Bereitschaft, Daten mit anderen zu teilen, ist je nach Disziplin stark unterschiedlich. Die Bewertung der Bedeutung von Forschungsdaten und entsprechend deren kurz-, mittel- oder langfristige Archivierung ist eine wichtige Aufgabe. Die Bibliotheken haben hier Kompetenzen, von denen die Forschenden profitieren könnten.

Wie wichtig ist für Sie ein koordiniertes Data Lifecycle Management?
Walter Brüsch:
Wir Bibliotheken waren traditionell erst ab der Publikation der Forschungsresultate betroffen, die aus den Daten gewonnen wurden. Wir erwerben diese Publikationen und bewahren sie langfristig auf. Mit der digitalen Revolution und der Veränderung des Forschungsverhaltens, das damit einhergeht, könnte sich auch die Rolle der Bibliothek verändern. Wir könnten den Forschenden früher im Prozess der Wissensgenerierung Dienstleistungen anbieten, zum Beispiel in der Datenbeschreibung, -bewertung, -archivierung. Eine Koordination im Data Lifecylce Management – DLCM – hilft dem Kompetenzaufbau und dem Erkenntnisgewinn, welche Aufgaben sinnvollerweise national geregelt werden – beispielsweise die Langzeitarchivierung – und welche besser lokal. Im Bereich DLCM wird eine Zusammenarbeit mit SWITCH sicher hilfreich sein.

Was ist Ihre Vision für die nächsten zehn Jahre?
Susanna Bliggenstorfer:
Wir wollen die Rolle der Bibliothek als Lernort weiter ausweiten. Zunehmend wollen wir auch die Zusammenarbeit mit den Forschenden aufbauen und diese in ihrer Arbeit von Anfang an unterstützen. Dieses Ansinnen hat auch eine politische Dimension, und es braucht dafür Ressourcen. Jetzt ist der Zeitpunkt da, mit dieser Arbeit zu beginnen.

Dieser Text ist im SWITCH Journal April 2013 erschienen.
Über den Autor
Konrad O.   Jaggi

Konrad O. Jaggi

Nach dem Studium in Zürich und Aberdeen (GB) führte Konrad O. Jaggi verschiedene Informatik- und Informationsdienste sowie Projekte im Bereich der strategischen Planung. Bei SWITCH leitet er seit Oktober 2011 den Bereich Researchers & Lecturers.

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Über den Autor
Christoph   Graf

Christoph Graf

1986 schloss Christoph Graf an der ETH Zürich als diplomierter Elektroingenieur ab. 1991 begann er bei SWITCH. Nach einem Wechsel zu DANTE in Cambridge stiess er 1998 erneut zu SWITCH. Heute leitet er den Bereich Supporting Operations.

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