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"Die Facebook-Timeline kann nerven."

SWITCH sprach mit dem Medienpsychologen Daniel Süss von der ZHAW über die Ergebnisse des SWITCH Junior Web Barometer.

Text: Anja Eigenmann, publiziert am 03.02.2015

Zusammenfassung: Kinder spielen heute via Internet. Auf diesem Kanal hören sie auch Musik und sehen sich Fernsehserien an. Der Grund dafür ist gemäss dem Medienpsychologen Daniel Süss, dass dies einfacher, flexibler und kostengünstiger ist als auf traditionellen Wegen. Sicher müssen Kinder aber beim Einstieg ins Internet begleitet werden und brauchen Empfehlungen für geeignete Seiten. Ob sie freiwillig Bücher lesen, hängt von Vorbildern und Hinweisen auf spannende Inhalte ab und nicht von den technischen Kanälen. Facebook gehört bereits zum Alltag von Jugendlichen und hat deshalb die Faszination des Trendigen ein Stück weit verloren. Medienkompetenzkurse, Berichte und Kampagnen zeigen ihre Wirkung: Kinder und Jugendliche schützen ihre Daten besser als früher. Von Vorteil ist auch, dass viele Eltern bereits Digital Natives sind und sich selber auf sozialen Plattformen bewegen. Allerdings braucht es noch immer Angebote zur Sensibilisierung der Kinder und Jugendlichen, denn nicht in allen sozialen Milieus werden sie gleich gut auf die Gefahren im Internet vorbereitet.


Der SWITCH Junior Web Barometer zeigt, dass Kinder und Jugendliche das Internet immer häufiger nutzen, und zwar tendenziell eher zur Unterhaltung als für Hausaufgaben und dergleichen. Spiele, Chats, Musik und Video sind die Spitzenreiter.


SWITCH: Was denken Sie, Herr Süss: Welche Kanäle oder Aktivitäten ersetzen die Schüler durchs Internet von wo nach wo findet eine Verschiebung statt?
Daniel Süss:
Das Internet wird insofern häufiger genutzt, als der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die täglich online sind, stetig zunimmt. Die Nutzungsdauer nimmt weniger deutlich zu. Der Anteil der Intensivnutzer – solche, die mehr als vier Stunden pro Tag online sind – bleibt praktisch konstant, ausser bei den ältesten Jugendlichen. Es ist vor allem so, dass Kinder und Jugendliche immer öfters mal kurz online sind, wenn sie kommunizieren oder sich unterhalten wollen, sei es auf Fahrten mit ÖV oder in den Schulpausen. Eine Verschiebung findet teilweise bei den verwendeten Medienquellen statt. Spiele, Musik und Fernsehserien oder Spielfilme werden via Internet genutzt, da sie auf diesem Wege flexibler und günstiger zugänglich sind als z.B. via Musik-CD oder Film-DVD. Heranwachsende sind verhaltensökonomisch unterwegs: Wenn eine funktionale Alternative günstiger, schneller und einfacher zugänglich ist, dann nutzen sie diese.

Was schliessen Sie daraus: Wird vielleicht zugunsten des Internets weniger gelesen?
Die inhaltlichen Interessen der Kinder und Jugendlichen bleiben relativ konstant. Es gibt aber einen Trend, dass etwas weniger im klassischen Printformat gelesen wird und dass die Bild- und Video-Kommunikation gegenüber der Textkommunikation zunimmt. Ob Kinder freiwillig Bücher lesen, hängt primär von Vorbildern und Hinweisen auf spannende Inhalte ab, nicht von den technischen Kanälen, die verfügbar sind.

Die jungen Einsteiger ins Internet müssen auf jeden Fall begleitet werden.

Könnte das ein Grund zur Besorgnis sein? Diese Kinder sind schliesslich noch sehr jung.
Die jungen Einsteiger ins Internet müssen auf jeden Fall begleitet werden. Ihre Kompetenzen, um sich sicher und sinnvoll im Netz zu verhalten, müssen in der Familie und Schule gefördert werden. Dabei sind Sperren für den Zugriff auf bestimmte Websites weniger wichtig als Empfehlungen für kindergerechte Sites. Und es braucht einen vertrauensvollen Dialog zwischen den Kindern und ihren Bezugspersonen, so dass die Kinder wissen, wie sie sich verhalten müssen, um unangenehme Erfahrungen zu vermeiden oder wie sie sich rasch Hilfe holen können, wenn sie sich zum Beispiel von einer Person online belästigt fühlen.


Instagram ist die grosse Siegerin bei den benützten Plattformen, bei den Nennungen der Mitgliedschaften hat sich die Anzahl etwa verdreifacht. YouTube konnte seine Position als beliebteste Plattform wahren, während bei WhatsApp und iMessage die Mitgliederzahlen tendenziell zurückgingen, aber immer noch hoch sind. Facebook musste tendenziell grosse Verluste hinnehmen, und MSN scheint fast bedeutungslos geworden zu sein. Diese Tendenz zeigt sich nicht nur bei den Mitgliedschaften sondern auch bei der Wahl der Lieblingsplattform: YouTube liegt auf Platz 1, gefolgt von Instagram, dann WhatsApp auf Platz 3, und iMessage auf Platz 4. Facebook liegt auf Platz 6.


Was meinen Sie zu dieser Entwicklung?
Bei dieser Frage muss man etwas vorsichtig sein mit den Trendaussagen, da die Datenbasis der vorliegenden Studie nicht repräsentativ ist. Es ist auch etwas schwierig, alle diese Plattformen in eine Rangfolge zu bringen, weil sie sehr unterschiedliche Funktionen haben. So können relativ schnell gewisse Funktionen von einer Plattform zu einer anderen wandern, wenn der Freundeskreis seine Kommunikationsgewohnheiten ändert. YouTube wird stark genutzt, um unterhaltsame Filme anzuschauen, aber auch zunehmend, wenn man zu einem Sachthema Informationen sucht, zum Beispiel für die Schule. Instagram wird stark zur Bildkommunikation genutzt. Die Kommentare sind kürzer und witziger, oft auch nur aus Bildzeichen wie Emoji-Piktogrammen bestehend. Auch hier gilt: Was schneller zu bedienen ist, auch mal zwischendurch, wird häufiger genutzt, als was aufwändiger ist.


Gemäss dem SWITCH Junior Web Barometer hat Facebook gegenüber YouTube, Instagram und WhatsApp an Beliebtheit verloren. Zusätzlich gibt es eine Tendenz, dass Facebook vor allem älteren Schülerinnen und Schülern weniger Spass macht. Mehr als die Hälfte gibt sogar an, dass Facebook in letzter Zeit nerve.


Die JAMES-Studie hat im Unterschied dazu eine ungebrochene Beliebtheit von Facebook ermittelt. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Facebook hat die Faszination des Neuen und Trendigen sicherlich ein Stück weit eingebüsst bei den Jugendlichen. Die Plattform gehört schon zum Alltäglichen, ist nicht mehr so aufregend, wie in der Anfangszeit. Jugendliche haben auf Facebook im Schnitt immer mehr Kontakte. Das bringt es auch mit sich, dass man immer mehr Meldungen erhält über neue Postings bei den Freunden. Dabei können auch Meldungen zunehmen, die einen nerven oder langweilen, zum Beispiel offene oder versteckte kommerzielle Botschaften. Wer schon lange bei Facebook war und viel von sich preisgegeben hat, kann auch eher mal unangenehme Erfahrungen gemacht haben. Ein weiterer Grund könnte sein, dass sich Jugendliche in einer dynamischen Entwicklungsphase befinden. Wenn sie schon mit 13 Jahren ein Facebook-Profil eröffnet haben, dann kann es ihnen mit 16 Jahren leicht als "unpassend" erscheinen, denn sie sind ja jetzt ganz woanders. Vor allem die Timeline in Facebook kann Jugendliche stören: Sie leben im Hier und Jetzt, nicht in ihrer Vergangenheit, die sie aus aktueller Sicht vielleicht eher peinlich finden. Wer sich neu definiert, will nicht nur neue Inhalte von sich im alten Profil, sondern auch neue digitale Orte, um sich auszudrücken.

Je mehr persönliche Details Kinder und Jugendliche von sich preisgeben, desto eher können sie auch Opfer von Cybermobbing, Stalking oder Cybergrooming werden, also belästigt und bedroht werden.


Die Kinder und Jugendlichen sind tendenziell vorsichtiger geworden mit persönlichen Daten auf Social Media Plattformen. Dennoch geben viele von ihnen an, dass man Fotos, ihren richtigen Namen und ihr Geburtsdatum auf den Plattformen findet, auf denen sie Mitglied sind.


Ist das beunruhigend?
Je mehr persönliche Details Kinder und Jugendliche von sich preisgeben, desto eher können sie auch Opfer von Cybermobbing, Stalking oder Cybergrooming werden, also belästigt und bedroht werden. Fotos und persönliche Angaben sind aber auch wichtig, um von den Personen, die man kennt, gefunden zu werden und sich mit weiteren Personen mit denselben Interessen zu vernetzen. Kinder und Jugendliche haben in den letzten Jahren tatsächlich gelernt, ihre Daten besser zu schützen. Mädchen tun dies noch ausgeprägter als Jungen. Da haben Medienkompetenzkurse, Kampagnen, aber auch Medienberichte über negative Erfahrungen von leichtsinnigen Usern zur Sensibilisierung beigetragen.


Der Einfluss der Eltern auf die Internetaktivitäten hat vor allem bei den Kindern zugenommen. Das ist erfreulich angesichts der Gefahren wie Mobbing und Sexting, denen Internetbenutzerinnen und -benutzer ausgesetzt sind.


Können wir davon ausgehen, dass Eltern ihren Nachwuchs dafür senisbilisieren?
Die Eltern nehmen tatsächlich ihre Verantwortung besser wahr, als noch vor wenigen Jahren. Viele Eltern – vor allem solche, die Digital Natives sind – nutzen selbst das Internet intensiv und sind auf sozialen Plattformen aktiv. Damit sind sie sich eher der Risiken bewusst, die man eingehen kann. Sie kennen aber auch die positiven Seiten und gehen entspannter und ausgewogener mit dem Thema um.

Gilt das für alle sozialen Milieus?
Nein, die Sensibilisierung ist nicht in allen sozialen Milieus gleich ausgeprägt. Gerade deshalb müssen die Schulen und die Jugendarbeit Angebote für alle schaffen. Die Themen müssen auch eingebettet sein in die grösseren Kontexte: Über Sexting allein kann man sich schlecht austauschen, wenn die Sexualaufklärung per se ein Tabu ist. Und Cybermobbing findet meistens als Fortsetzung bereits bestehenden Mobbings in Face-to-face-Kontexten statt. Also braucht es auch dort eine Auseinandersetzung mit Gewalt, Konflikten und Fairness.

Auswertung der Befragung

Daniel Süss

Prof. Dr. Daniel Süss ist Dozent für Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und Professor für Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich. Er ist unter anderem Co-Leiter der zweijährlichen JAMES-Studie zum Medien- und Freizeitverhalten von Jugendlichen in der Schweiz, einer Studie von ZHAW und Swisscom.

 

Der Junior Web Barometer

SWITCH lässt seit 2009 jährlich eine Umfrage unter Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 20 Jahren in der Deutsch- und Westschweiz durchführen. Gegenstand der Befragung ist die Nutzung des Internets und der Social-Media-Plattformen. Die Schülerinnen und Schüler können den computergestützten Fragebogen zuhause oder in der Schule ausfüllen. Dieser wird Lehrerinnen und Lehrern zugestellt, die sich für den Website-Wettbewerb SWITCH Junior Web Award interessiert haben. 2014 haben 371 Schülerinnen und Schüler an der Umfrage teilgenommen. Die Umfrage ist nicht repräsentativ und die Stichprobe entspricht nicht den strengen wissenschaftlichen Kriterien. Dennoch sind Aussagen über Tendenzen möglich. Die Umfrage führte das Marktforschungsinstitut  DemoSCOPE durch.

Über den Autor

Anja Eigenmann

Seit 2012 ist Anja Eigenmann bei SWITCH tätig, heute als Redaktorin für Online- und Printmedien. Sie startete mit einer journalistischen Ausbildung und hat später einen Master of Advanced Studies in Business Communications zugefügt. Unter anderem war sie als Chefredaktorin sowie Beraterin tätig und hat einen Lehrgang in Online-Redaktion geleitet.

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