Welche E-ID braucht die Schweiz?

Nachdem das Schweizer Stimmvolk das E-ID-Gesetz an der Urne abgelehnt hat, sind neue Lösungen gefragt. Unbestritten bleibt, dass die Schweiz eine E-ID braucht.

Text: Christoph Graf, publiziert am 22.04.2021

Am 7. März hat die Schweiz einen Gesetzesvorschlag für den Aufbau einer E-ID abgelehnt. SWITCH hat als neutrale und unabhängige Stiftung der Schweizer Hochschulen auf dem Gebiet elektronischer Identitäten mehr als 20 Jahre Erfahrung und hat sich am Prozess zu einer E-ID beteiligt. Ein Gespräch mit Christoph Graf, Programmleiter der SWITCH edu-ID, über die nächsten Schritte in Richtung einer E-ID der Schweiz und die Rolle von SWITCH in diesem Prozess.

SWITCH: Weshalb hat die Schweiz die E-ID abgelehnt?

Christoph Graf: In unserer Wahrnehmung besteht weitreichender Konsens, dass die Schweiz eine E-ID braucht. Somit ist das Nein des Volkes vom 7. März keine Absage an die E-ID, sondern richtet sich gegen den konkreten Umsetzungsvorschlag im Gesetz. Die vorgeschlagene Rollenteilung zwischen staatlichen und privaten Akteuren wurde als nicht ausgewogen beurteilt. Im Zentrum der Kritik stand dabei, dass als hoheitliche Aufgabe wahrgenommene Tätigkeiten an die Privatwirtschaft delegiert worden wären.

Ich verstehe das Verdikt dabei klar nicht einfach als Misstrauensvotum an die Adresse der Privatwirtschaft. Sondern viel eher als Ausdruck dafür, dass diese hoheitlichen Aufgaben in der Obhut des Staates verbleiben sollen – und dass der Staat dies auch zu leisten vermag.

Steht die Schweiz jetzt vor einem Scherbenhaufen oder siehst du darin auch neue Chancen?

Der breit vorhandene Konsens, dass wir eine E-ID brauchen, ist eine gute Basis für einen Neuanfang. Einen weiteren Pflock eingeschlagen hat das Volk: der Staat soll seine hoheitlichen Aufgaben wahrnehmen. Daran können wir uns orientieren. Im Gegensatz zur Schweiz bieten andere Staaten seit Jahren ihren Einwohnern eine E-ID an. Man mag das bedauern, aber sehen wir das doch als Chance: wir brauchen uns nicht um Altlasten zu kümmern und können uns an modernen Prinzipien orientieren. Wir können deshalb die digitale Selbstsouveränität, den Datenschutz, das Vertrauen und die Innovationsfreundlichkeit wesentlich radikaler ins Zentrum stellen – im Dienste der Gesellschaft. Das ist die Chance der «grünen Wiese». Packen wir sie!

Was braucht es dazu?

Eine tragfähige Lösung kann nur entstehen, wenn wir disziplinen- und communityübergreifend zusammenarbeiten und auf dieser Basis konsensfähige Lösungen erarbeiten. Wichtig ist dabei, dass wir unmissverständlich klären, welche Aufgaben die E-ID erfüllen soll. Nur auf einem solchen Fundament kann eine dazu passende Umsetzungsarchitektur mit staatlich und privat betriebenen Komponenten entwickelt und später eine Erfolgsbeurteilung durchgeführt werden.

Das zentrale Grundversprechen der E-ID ist, dass staatlich validierte Attribute nutzergesteuert und möglichst ohne Einschränkungen nachfragenden Diensten offengelegt werden können – genau so, wie wir die Identitätskarte in der analogen Welt verwenden. Zudem soll sie ohne weitere Hilfsmittel den Zugang auf e-Government-Angebote ermöglichen. Ob darüber hinaus weitere Einsatzgebiete erschlossen werden sollen, ist seriös und in Absprache mit den relevanten Stakeholdern zu klären. Der nächste Anlauf zur E-ID soll nicht an Überfrachtung oder aufgrund von Differenzen ausserhalb der Grundversprechen scheitern. Auch hier ein Vergleich mit der analogen Welt: Nicht in allen Fällen können oder wollen wir uns mit der Identitätskarte ausweisen.

Was hat denn SWITCH bezüglich der E-ID zu bieten?

SWITCH hat über 20 Jahre Erfahrung im organisationsübergreifenden, föderierten Identitäts-Management. Wir haben uns bereits mit diesem Thema beschäftigt, als noch die wenigsten wussten, was das überhaupt ist. Alle Hochschulen sind jetzt gemeinsam auf dem Migrationspfad der SWITCH edu-ID. Sie hat sich als ein universell einsetzbares Login für Services im Hochschulumfeld als neuer Standard durchgesetzt. Gegenwärtig gibt es gegen 500'000 SWITCH edu-IDs. Mit dem Umbau auf nutzerzentrierte Identitäten hat SWITCH in den letzten Jahren noch viel enger mit den Verantwortlichen der Hochschulen im Bereich Identitäts-Management zusammengearbeitet und die Einbindung in organisatorische Identitäts-Management-Prozesse und -Anwendungsfälle begleitet.

SWITCH betreibt und koordiniert zudem in der Schweiz seit 30 Jahren eine kritische Infrastruktur für .ch-Domain-Namen. Datenschutz by Default und by Design waren in beiden Fällen wichtige Anforderungen und sind für uns eine Selbstverständlichkeit. Weiter betreibt und koordiniert SWITCH in der Schweiz seit 30 Jahren einen Teil einer global verteilten und föderierten Infrastruktur für Identifizierung von Domain-Namen. Domain-Namen sind für alle Sicherheitslösungen und den Datenschutz von zentraler Bedeutung. SWITCH will sicherstellen, dass diese Aspekte adäquat berücksichtigt werden und unserer E-ID zugutekommen können. Als Registerbetreiberin von «.ch» übt SWITCH eine vom Bundesamt für Kommunikation regulierte Tätigkeit aus. SWITCH vertritt keine kommerziellen Interessen. Als neutrale und unabhängige Stiftung sind wir einzig dem Stiftungszweck verpflichtet.

Welche Motivation verfolgt SWITCH mit ihrem Engagement?

SWITCH erkennt Potential in einer guten Anbindung der SWITCH edu-ID an eine E-ID, damit sich die Nutzerinnen und Nutzer SWITCH gegenüber zweifelsfrei ausweisen können. Wegen dieser zentralen Bedeutung der E-ID für die Bildungs-, Forschungs- und Innovations-Community in der Schweiz hat sich SWITCH bereits bei der Ausgestaltung der E-ID-Vorlage eingebracht und wird dies auch künftig tun. Zudem ist die Zusammenarbeit mit etablierten Identitätsanbietern für eine möglichst schnelle Einführung einer E-ID ein grosser Vorteil. SWITCH verfolgt die Ambition, die mit dem Aufbau der SWITCH edu-ID gewonnenen Erfahrungen und die im Hochschulumfeld erarbeitete Vordenkerrolle auch weiteren Kreisen zukommen zu lassen und als Partnerin unsere digitale Welt im Interesse der Gesellschaft mitzugestalten.

Über den Autor
Christoph   Graf

Christoph Graf

1986 schloss Christoph Graf an der ETH Zürich als diplomierter Elektroingenieur ab. 1991 begann er bei SWITCH. Nach einem Wechsel zu DANTE in Cambridge stiess er 1998 erneut zu SWITCH. Heute ist er Program Leader SWITCH edu-ID.

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